"GTA Chinatown Wars: Nur 89.000 mal verkauft" - ein bisschen Schlucken musste ich schon, als ich heute diese Nachricht vernahm. Ein so starkes Franchise, welches zudem nach langer Zeit wieder seinen Weg auf ein Nintendo-System findet und dabei auch noch, zurecht, Traumwertungen einheimst - ein solcher Titel floppt geradezu? Wohl gemerkt reden wir hier nicht von einem kleinen engagierten "Hardcore-Projekt", sondern von GTA, ohne Zweifel eines der inzwischen größten Spiele-Franchises.
Jahrelang war der Ruf unter den Spielern nach einer GTA-Version für eine Nintendo-Konsole nicht zu überhören. Nahm Reggie Fils-Aime Gespräche mit Verantwortlichen bei Take2 auf, wurde dies bereits als geheime Ankündigung eines exklusiven Teils der Serie gewertet. Neidisch blickte man auf die Konkurrenz, die mit GTA IV zuletzt den ersten HD-Ableger von Grand Theft Auto hervorbrachte.
Nun also wurden die Wünsche der Fans erhört, Nintendos Kleinster erhielt endlich sein eigenes, exklusives Gangster-Spektakel. Zugegeben, eine "echte" GTA-Umsetzung für die Wii hätte ohne Frage noch deutlich mehr Aufsehen erregt - aber dennoch ist der DS-Teil alles andere als ein billiger Abklatsch und gefällt mir persönlich gar besser als das hochgelobte GTA IV, welches den Charme früherer Teile leider nicht so recht zu transportieren vermochte. Wie kann es also sein, dass trotz all dieser hervorragenden Voraussetzungen Chinatown Wars wie Blei in den Händlerregalen liegen bleibt?
Ganz ehrlich: Ich möchte keinesfalls zum x-ten Mal die Casual-Politik mancher Hersteller kritisieren und in das pubertäre Gejammere über zu wenig "Hardcore-Games" verfallen. Aber es liegt doch auf der Hand, dass hier ein Zielgruppenkonflikt vorliegt. Zu lange hat man belanglose Spielchen und Anwendungen für Jedermann gepusht, einen komplett neuen Markt geschaffen, ohne dabei den schmalen Grat zwischen Fan-Treue und Profitgier zu berücksichtigen. Klar, die Nachfrage bestimmt das Angebot, nicht umgekehrt. Allerdings ist es vielen Herstellern nicht gelungen, mit dem nötigen Fingerspitzengefühl an die Sache heranzugehen: Man hat sich nie wirklich bemüht, den "alten" Markt, also den der Vollblut-Spieler, weiterhin ernst zu nehmen. ?Aber was ist mit Zelda, Metroid, Smash Bros.??, mag nun manch Nintendo-Fan zur Verteidigung einwerfen. Und ja, natürlich sind diese Titel absolute Softwareperlen und ja, es gibt auch abseits davon genügend Hardcore-Titel.
Aber genau für einen wichtigen Faktor reicht eben dieses Softwareangebot, auf dem DS genau so wenig wie auf der Wii, bisher aus: Nämlich die Spieler zu gewinnen, welche sich selbst weder als Nintendo-Anhänger, noch als Casual betrachten. Doch ist gerade dies jene große Gruppe, die mit Vorliebe zu Titeln à la GTA und Co. greift, ohne dabei generell Nintendo-Titel oder einfachere Gelegenheitsspielchen zu bevorzugen. Also die Zielgruppe, die momentan vor allem von Microsoft, Sony und nach wie vor dem PC bedient wird. Ich bezeichne diese hier bewusst nicht als "Hardcore-Spieler" - denn solche finden sich zu genüge auch unter den Nintendo-Fans. Aber es ist eine Gruppe, die sich weitestgehend neutral und ohne Favorisierung bestimmter Hersteller mit dem Thema Videospiele auseinandersetzt; die zuhause ein GTA genau so gerne wie ein FIFA, Sims oder Mario Kart einwirft.
Um es kurz machen: Wii und DS vergraulen keine Hardcore-Gamer, das ist Blödsinn. Aber genau so wenig gewinnen sie neue Spieler aus diesem Bereich hinzu. Und hier liegt das Hauptproblem der ganzen Angelegenheit. Durch diese Tatsache wird ein Marktumfeld geschaffen, welches es einfach schwierig macht, wirklich große Erfolge mit anspruchsvolleren Spieletiteln zu erringen. Schwieriger zumindest, als bei der Konkurrenz. Da mag es immer heißen, die Publisher werfen billige Casualtitel auf den Markt, um das schnelle Geld zu machen - dabei haben sie doch gar keine andere Wahl, wenn sie mit tollen Hochglanz-Projekten keinen müden Cent einnehmen. Und es ist daher auch mehr als verständlich, dass ein Publisher sich lieber an einen schnellen neuen Fitness-, Tierarzt- oder Gehirntrainer-Titel wagt, anstatt große Experimente zu probieren, ganz egal ob dabei ein Name wie GTA eine Rolle spielt, oder nicht.
Selbst simple Remakes alter GameCube-Titel verkaufen sich besser als der Rest, zuletzt geschehen bei Mario Power Tennis. Nicht den Herstellern ist hier also ein Vorwurf zu machen, sondern uns allen! Wir sind diejenigen, für die nach wie vor ?Hardcore-Spiele? produziert werden. Nur dank uns, den Fans, hat sich Rockstar an eine DS-Fassung von GTA gewagt. Warum also würdigen wir dies nicht mit dem Kauf dieser Titel? Wie passt es zusammen, dass sich einerseits an allen Ecken über mangelnde Coregamer-Unterstützung beschwert wird, auf der anderen Seite eben jene Spiele dann aber kaum über die Verkaufstheken wandern? Da würde ich persönlich auch lieber "MyLittleCatBabyz III" auf den Markt werfen - dafür scheint es eine dankbarere und vor allem kauffreudigere Zielgruppe zu geben.
Und jetzt gehe ich weiterspielen, Hsin wartet auf den nächsten Auftrag - drei Verräter soll ich für ihn umlegen. So sei es.
Tim Neldner


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